Alle Artikel von tell

Auf dem Bild bin wir

Die Ich-Erzählerin von Marie Darrieussecqs neuem Roman Unser Leben in den Wäldern versteckt sich unter Rebellen in Erdlöchern im Wald und fragt sich mit schwarzhumoriger Verzweiflung, was in ihrer Welt eigentlich los ist. Sie lebt in einer Zukunft, die dermaßen …

Freiheit im Stacheldrahtverhau

Uraufführung März 1804: Goethe inszeniert Schillers Schauspiel Wilhelm Tell – ein rauschender Erfolg. Premiere 2019: Jan Neumann, Hausregisseur des Deutschen Nationaltheaters, inszeniert Schillers Schauspiel Wilhelm Tell – ein rauschender Erfolg….

Das Trauma wachhalten

In diesem Roman herrscht ununterbrochen Traumazeit. Ein junger Mann lebt in einem Danach. Die traumatisierenden Ereignisse liegen lange zurück, doch die „alles verwüstenden, alles ausbeinenden Jahre“ sind ständig präsent….

Die Kunst zu vergessen

Jurist hatte Warlam Schalamow werden wollen, Künstler wurde er – erst ein „Künstler der Schaufel“ im Archipel Gulag, dann einer des lange Zeit ungedruckt bleibenden Wortes. Als Angehöriger der linken Opposition musste Schalamow bereits mit 22 Jahren, von 1929 …

Abschied vom Familienstammbaum

Unwissenheit erzeugt viel häufiger Sicherheit, als es das Wissen tut. Charles Darwin In seinem Buch Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat versucht Adam Rutherford nichts Geringeres als die Widerlegung des Rassismus mit Hilfe der Genomik….

Porträts des Künstlers als alter Mann

Was hat es auf sich mit der nicht abebbenden Welle von Romanen, die Schriftsteller in ihrer Spät- und Absterbephase porträtieren? Hofmannsthal in Bad Fuschl (Walter Kappacher, Der Fliegenpalast), Feuchtwanger in Kalifornien (Klaus Modick, Sunset), Kafka in Berlin …

Ein Meister des Kitschs

Vier Minuten bevor Nadim, Kind mit geröteten Augen, den Auslöser an seiner Weste ergriff, um sich mit neuneinhalb Kilo Sprengstoff in den Tod zu reißen, riefen die Muezzine von Kirkuk über Lautsprecher in alle Viertel der Millionenstadt zum Abendgebet. S…

Relotius gibt es nicht

Amerika gibt es nicht“ heißt meine Lieblingsgeschichte von Peter Bichsel. „Auf jeden Fall erzählen alle dasselbe, und alle erzählen Dinge, die sie vor der Reise schon wussten; und das ist doch sehr verdächtig“, heißt es am Ende dieser Kindergeschichte …

Roman ohne Eigenschaften

Liebe Elke, in Deinem Kommentar zum Page-99-Test von Peter Stamms neuem Roman schreibst Du: „Diesmal wird die Begrenzung dieses Testverfahrens sehr deutlich: Du kannst diesen intelligent gebauten Roman nicht verstehen und adaequat rezensieren, indem du ein paar Sequenzen untersuchst und zu …

Wenn mehr Menschen am Tisch sitzen

Der Soziologe Aladin El-Mafaalani ist Sohn von Migranten, Experte und Entscheidungsträger: Seit 2018 koordiniert er die Integrationspolitik Nordrhein-Westfalens als Abteilungsleiter des Ministeriums für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration. Je mehr Integration, desto mehr Konflikte, so lautet seine These….

Den Schmerz plündern

Da streift einer den ganzen Tag ziellos durch Tiflis, und dann wird daraus, fast will es scheinen unbeabsichtigt, ein berührender und packender Roman von fast dreihundert Seiten. Wie ist dies dem georgischen Autor Archil Kikodze gelungen? Vielleicht indem er …

Wow oder Geil oder Toll oder so

Dirk Knipphals, Literaturredakteur der taz, hat mit Der Wellenreiter seinen ersten Roman vorgelegt. Er erzählt, autobiografisch angelehnt, in losen Kapiteln und ganz ohne knalligen Plot von einer Jugend in einem Vorort von Kiel, einer Jugend in den hellen, sozial-liberalen …

Eine Übung in Langsamkeit

Der „blinde Fleck“ ist die Stelle des Auges, an welcher der Sehnerv austritt. Er ermöglicht das Sehen, doch zugleich nimmt das Auge genau an diesem Punkt nichts wahr. Die Sicht entsteht also aus einer partiellen Blindheit….