Alle Artikel von tell

Traumzeit und Nachtwindrauschen

Peter Handkes neustes Werk ist mit 94 Seiten ungewöhnlich kurz, und es erzählt dabei, so kommt es einem vor, keineswegs von weniger Begegnungen auf Streifzügen und Wanderungen des Erzählers als in manchen seiner großen Werke – von Mein Jahr in …

Vom Schreiben in Mann-Form

Max Frisch wurde vor gut 110 Jahren geboren. Wie kaum ein anderer deutschsprachiger Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts ist der Schweizer Autor auch vielen Menschen ein Begriff, die keine passionierten Leser:innen sind. Das mag daran liegen, dass er bis heute den …

Die Anklägerin

Rosalia Bauer arbeitete im Februar 1943 in einer Apotheke, als sie sah, wie eine Bekannte ins Gefängnis geführt wurde. Sie hatte ihre kleine Tochter dabei, die an ihrer Schulter lehnte. „Pahl ging hinter den beiden mit gezogener Waffe her….

Page-99-Test: Volker Kutscher

Dieser Page-99-Test geht auf einen Wunsch von Agnese Franceschini zurück. Der Krimi Olympia von Volker Kutscher ist zur Zeit ihre Abendlektüre. Sie könne danach wunderbar schlafen, und zwar keineswegs, weil das Buch langweilig sei: Der Stil habe etwas angenehm Beruhigendes….

Literatur für Journalisten

Es gibt drei Perspektiven, unter denen Kritiker literarische Texte betrachten: die der Kunst, die der Unterhaltung und die der Publizistik. In der Regel verwenden sie die Perspektive, die sich für das besprochene Werk am besten eignet. Viele Werke, meistens Romane, …

Briefe nach Patmos

Ich fürchte mich jetzt schon vor den Dutzenden von Corona-Tagebüchern und Seuchenromanen, die demnächst erscheinen dürften. So Thea Dorn im Sommer 2020 in einem Interview….

Zahlen und Atem

Sie haben etwas Beklemmendes, die täglichen Zahlen von Inzidenzen und Infektionen und Reproduktionen und Sterbe-, manchmal auch Genesungsfällen. Sind es die Zahlen oder ist es die Art und Weise ihrer zum Ritual gewordenen Verkündigung, was einem manchmal die Luft nimmt? …

Wer darf, wer soll, wer kann?

Drei Anliegen vermengen sich in der Debatte um die Übersetzung von Amanda Gormans Gedicht: Chancengleichheit, Redefreiheit und die Kunst des Literaturübersetzens. Es lohnt sich zu differenzieren. Je nach Kriterium fällt die Antwort, ob Marieke Lucas Rijneveld Amanda Gorman übersetzen „darf“, …

Jenseits des Elfenbeinturms

Pandemiebedingt feierte das Online-Magazin Geschichte der Gegenwart (GdG) seinen fünften Geburtstag in der vergangenen Woche nicht mit einem Cüpli in Zürich, sondern auf Zoom. Das hatte den Vorteil, dass ich der Einladung im Newsletter auch von Berlin aus folgen konnte. …

Glück und Schrecken

Den Titel von Zsófia Báns Erzählungsband Weiter atmen darf man als ernstgemeinte Aufforderung verstehen, bei aller souveränen Ironie, über die diese Autorin in reichem Maße verfügt. Der Atem stockt einem bei der Lektüre oft und drastisch. …

Der Nazi an der Wand

Gleich unterhalb von Friedrich Hebbel hängt er, der Nazi, bei mir im Arbeitszimmer an der Wand. Oben die hübsch verzierte Abschrift des Gedichts „Sommerbild“, die mir meine 16-jährige Tochter zum Geburtstag geschenkt hat, darunter die Radierung „Das Haus am Deich“ …

Die dunkle Seite unserer Seele

Für den jungen amerikanischen Schriftsteller Thomas Wolfe war Deutschland eine zweite Heimat, es war die Herkunft seiner Vorfahren väterlicherseits. Zwischen 1926 und 1936 besuchte er Deutschland sechs Mal – das Ergebnis war eine geradezu unerschütterliche Liebe….

Eine Terroristin der Selbstbehauptung

Als Debüt eines Unbekannten wurde dieses Buch 1966 für den Prix Goncourt vorgeschlagen, in Kanada gilt es als zentrales Werk, doch im deutschsprachigen Raum blieb seine Veröffentlichung in einem kleinen Schweizer Verlag 2012 ohne großes Echo. Nun ist Réjean Ducharmes …

Kleine Pilzkunde der Literaturkritik

Unter ernstzunehmenden Autoren haben die Adjektive keinen guten Ruf. Stilratgeber fordern, sie, soweit möglich, aus dem Text zu entfernen. Sind die Substantive die Bäume im Wortwald, so gleichen die Adjektive parasitären Pilzen, die die Kraft der Substantive schwächen….

Von der Kunst, Zeitgenosse zu sein

Das Wort „Zeitgenossenschaft“ im Untertitel “Magazin für Literaetur und Zeitgenossenschaft” verdankt tell dem Schriftsteller, Filmregisseur und politischen Aktivisten Thomas Harlan. Ich hatte Thomas Harlan im Januar 2009 kennengelernt, wir blieben bis zu seinem Tod am 16. Oktober 2010 im Kontakt….