Alle Artikel von tell

Die Untreue gegenüber sich selbst

In unseren Lektüretipps weisen wir auf Bücher hin, die uns begeistert, erschüttert, erheitert haben: Klassiker, Entdeckungen, Kuriositäten. Marguerite Yourcenars literarisches Debüt von 1929 hat die Form eines Bekenntnisbriefs . In Alexis oder der vergebliche Kampf,  erzählt der 24-jährige Musiker Alexis seiner …

Die narrative Erschaffung der Welt

Einigermaßen ungewöhnlich ist es schon, wenn ein deutscher Professor auf der ersten Seite eines kulturwissenschaftlichen Buches den afrikanischen Philosophen Achille Mbembe zitiert, und so weckt diese erste Überraschung Appetit auf das, was danach kommt. Die Rede ist hier von Markus …

Körperwärme und Schriftlichkeit

Morgens schrieb Péter Nádas stets Prosa. Viele seiner Erzählungen und die umfangreichen Romane Parallelgeschichten und Aufleuchtende Details sind so in Budapest und im Dorf Gombosszeg nahe der slowenischen Grenze entstanden. Der Nachmittag war unter anderem Essays vorbehalten – ein kräftezehrendes …

Traum, Wahn und Sex

Nur wenige Künstler haben die Schattenseiten der menschlichen Existenz derart dramatisch ins Bild gesetzt wie der polyglotte Schweizer Maler Johann Heinrich Füssli (1741-1825). Der gelehrte Künstler wollte nach dem Abschluss seines Theologiestudiums am Zürcher Carolinum sowie eingehendem literaturhistorischem Unterricht bei …

Verlassen und Verlassenwerden

Manchmal dichten auch Lektoren. Im Klappentext des neuen Romans von Goran Vojnović heißt es, sein Romandebüt Cefuri raus! über den brutalen Umgang mit Ex-Jugoslawen in Slowenien habe „den Rücktritt des slowenischen Innenministers zur Folge“ gehabt….

Terror von unten

Fast unmerklich hat sich das Wort Faschismus wieder in den politischen Alltagswortschatz eingeschlichen. Der Begriff ist zugleich aufgeladen und unscharf. Lässt er sich für die Debatten der Gegenwart fruchtbar machen oder soll man die Finger von ihm lassen?…

Auf dem Bild bin wir

Die Ich-Erzählerin von Marie Darrieussecqs neuem Roman Unser Leben in den Wäldern versteckt sich unter Rebellen in Erdlöchern im Wald und fragt sich mit schwarzhumoriger Verzweiflung, was in ihrer Welt eigentlich los ist. Sie lebt in einer Zukunft, die dermaßen …

Freiheit im Stacheldrahtverhau

Uraufführung März 1804: Goethe inszeniert Schillers Schauspiel Wilhelm Tell – ein rauschender Erfolg. Premiere 2019: Jan Neumann, Hausregisseur des Deutschen Nationaltheaters, inszeniert Schillers Schauspiel Wilhelm Tell – ein rauschender Erfolg….

Das Trauma wachhalten

In diesem Roman herrscht ununterbrochen Traumazeit. Ein junger Mann lebt in einem Danach. Die traumatisierenden Ereignisse liegen lange zurück, doch die „alles verwüstenden, alles ausbeinenden Jahre“ sind ständig präsent….

Die Kunst zu vergessen

Jurist hatte Warlam Schalamow werden wollen, Künstler wurde er – erst ein „Künstler der Schaufel“ im Archipel Gulag, dann einer des lange Zeit ungedruckt bleibenden Wortes. Als Angehöriger der linken Opposition musste Schalamow bereits mit 22 Jahren, von 1929 …

Abschied vom Familienstammbaum

Unwissenheit erzeugt viel häufiger Sicherheit, als es das Wissen tut. Charles Darwin In seinem Buch Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat versucht Adam Rutherford nichts Geringeres als die Widerlegung des Rassismus mit Hilfe der Genomik….

Porträts des Künstlers als alter Mann

Was hat es auf sich mit der nicht abebbenden Welle von Romanen, die Schriftsteller in ihrer Spät- und Absterbephase porträtieren? Hofmannsthal in Bad Fuschl (Walter Kappacher, Der Fliegenpalast), Feuchtwanger in Kalifornien (Klaus Modick, Sunset), Kafka in Berlin …

Ein Meister des Kitschs

Vier Minuten bevor Nadim, Kind mit geröteten Augen, den Auslöser an seiner Weste ergriff, um sich mit neuneinhalb Kilo Sprengstoff in den Tod zu reißen, riefen die Muezzine von Kirkuk über Lautsprecher in alle Viertel der Millionenstadt zum Abendgebet. S…

Relotius gibt es nicht

Amerika gibt es nicht“ heißt meine Lieblingsgeschichte von Peter Bichsel. „Auf jeden Fall erzählen alle dasselbe, und alle erzählen Dinge, die sie vor der Reise schon wussten; und das ist doch sehr verdächtig“, heißt es am Ende dieser Kindergeschichte …

Roman ohne Eigenschaften

Liebe Elke, in Deinem Kommentar zum Page-99-Test von Peter Stamms neuem Roman schreibst Du: „Diesmal wird die Begrenzung dieses Testverfahrens sehr deutlich: Du kannst diesen intelligent gebauten Roman nicht verstehen und adaequat rezensieren, indem du ein paar Sequenzen untersuchst und zu …