Alle Artikel von Volltext

Schreiben Sie auch ein Corona-Tagebuch?

I Vor einem Jahr hätte man darin mit einiger Mühe vielleicht noch ein allzu pessimistisches Sinnbild unserer Gesellschaft sehen können, aber jetzt war es bestenfalls eine missverständliche Anekdote, die nicht mehr recht in die Zeit passte. Ich war im Gebirg’ …

Wie man Leichen im Keller verscharrt

Koleka Putuma: Geliebt werden, wie Mandela von weißen Leuten geliebt wird. Foto: Mawande Sobethwa Seit einigen Jahren übertreffen einander Kommentatoren mit Aussagen über Südafrika, wonach die ab 1994 in Post-Apartheid geborene „freie Generation“ offenbar Rückschritte mache. Diese junge Generation halte …

Iris Hanika: Echos Kammern

Aus Gründen der Chronologie fangen wir in Manhattan an, und um die Erzählung nicht sinnlos zu zerfleddern, sondern der Bahn der Ereignisse vielmehr pfeilgerade zu folgen, geht es erst einmal nur um Sophonisbe. Ja, sie trägt einen ungewöhnlichen Namen, aber …

Ischgl – Delirium Alpinum

Die Bilder dieses Beitrages sind Lois Hechenblaikners neuem Fotobuch „Ischgl“ entnommen. „Das muss ich fotografieren, aus dieser Perspektive habe ich es noch nicht“, murmelt Lois Hechenblaikner, während er an einem Apriltag des Jahres 2020 recht hochtourig einen Schotterweg hinauffährt. Die …

Jüngelismus und Operettenvertrottelung

Studienjahr 1962/63 an der University of Kansas, Lawrence, Kansas, USA. Bei einem Treffen von vier Fulbright-Stipendiaten aus Österreich – einer davon der nachmalige Innsbrucker Germanistik-Ordinarius Sigurd Paul Scheichl – und eines österreichischen Germanistik-Gastdozenten im Frühjahr 1963 spielt eine Kommilitonin eine …

Zwischen Schwerkraft und Gnade

Ich will schon lange eine Rezension über ein Buch von meinem Freund Artur Becker schreiben. Artur Becker ist ein Schriftsteller, der in der Öffentlichkeit zu wenig Beachtung erfährt. Dabei gehört er zu den wenigen Autorinnen und Autoren deutscher Sprache, die …

Piran, Juni 2016

Ein kranker Mensch sagte zu mir, er würde gerne all jene, um die er sich nun nicht mehr kümmern kann (Katzen, senile Mutter) wie Lampen ausschalten – „switch them off one by one“ – damit er sie, von seiner verhinderten …

Pfingstidyll an der Reichsautobahn

Karl Heinrich Waggerl: Von höherem Willen umtost. Eine bessere Blume hätte sich Karl Heinrich Waggerl gar nicht an den Trachtenjanker heften können. Von einem Vergissmeinnicht handelt ein Gedicht, das wie eine Essenz seiner blutleeren und bodennahen Lyrik ist: „Das Blümchen …

Das Schwarze Quadrat und das Absolute

Die Farbe Schwarz ist für die Schweizer Dichterin, Übersetzerin und literarische Kosmopolitin Ilma Rakusa ein Faszinosum. Zu ihren biografischen und ästhetischen Elementarerfahrungen gehörte die Begegnung mit dem „Schwarzen Quadrat auf weißem Grund“ des russischen Avantgardisten Kasimir Malewitsch. Oder der Blick …

Die Leerstelle

Eduard von Keyserling auf einem Gemälde von Lovis Corinth: „So aussehn mecht ich aber lieber nich.“ Ein alter Freund, dessen literarischem Urteil ich vertraue, empfahl mir vor einigen Jahren die Lektüre Eduard von Keyserlings. Das, da sei mein Freund …

Inniger Schiffbruch

Frank Witzel: „Was war es, an das ich nicht denken durfte, und welchen Schatz galt es aus meinem Unbewussten zu heben?“Foto: Maja Bechert Zwei Monate nach dem Tod meines Vaters hatte ich einen Traum: Aus einer erhöhten Perspektive …

Vom Grundzug her Volkspoesie

Oswald Egger: „Mich interessieren Spielformen des Zeitvertreibs.“ Foto: Charlotte Kons ANGELIKA KLAMMER Am Ende Ihres jüngsten Buchs, Triumph der Farben, steht der Satz: „Wort für Wort ist nach und nach alles in einem Bild.“ Alles also, was sich …

Spieldosen und Puzzles

Dietmar Dath: „Die realistisch-naturalistischen Abwege, auf denen Literatur im bürgerlichen Zeitalter herumgestolpert ist, führen demnächst wieder zur seit Jahrtausenden normalen Kunst zurück, in der es schon immer Gottheiten, Wunder, Flugmaschinen und all das gab.“ THOMAS LANG In Ihrer Niegeschichte …

Trash und Tragik

„dichtung – nichd gut“ André Thomkins Als der französische Philosoph und Publizist Gilles Lipovetsky in den frühen 1980er-Jahren die Heraufkunft einer „Ära der Leere“ (Ère du vide) annoncierte, wurde er von links wie von rechts als Kulturskeptiker, da und dort …